Mittwoch, 5. Juli 2017

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 36: Franck Giovannini im Restaurant Benoit Violier



Genau, es gibt Gedanken, auf die man wohl nur kommt, wenn man mit einer Restfettn aufwacht. Das muss man für die nicht habsburgisch Vorbelasteten aus der geneigten Leserschaft vielleicht erklären - vom Aufwachen mit einer "Restfettn" spricht man nicht etwa, wenn man am Vorabend bei der Ü-30-Party gegen Ende der Feier noch das an der Bar übrig gebliebene hochadipöse weibliche Wesen vom rubensischen Phänotyp in den Igelbau abgeschleppt hat und des Morgens mit einer gewissen Verwunderung neben sich im Bett die Zwillingsschwester von Beth Ditto vorfindet. Vielmehr ist die "Restfettn" der zwischen Inn und Donau gängige Fachterminus für den Grad der beim mittäglichen Aufwachen noch verbliebenen leichten Alkoholisiertheit, wenn der Abend erst kurz vor dem Hellwerden geendet hatte und mindestens so feucht wie fröhlich gewesen war. Ein sofort unter Naturschutz zu stellender Begriff, der mir unendlich viel sympathischer ist als andere, ähnlich erklärungsbedürftige Vokabeln. Ich denke etwa an das unrühmliche "Straßenbegleitgrün" aus dem Schatzkästlein des Amtratsdeutsches, erfunden von einem mit Diplom im Extreme-Hosenträgering. Ja, das Straßenbegleitgrün, das gar nicht einmal grün sein muss, sondern im Winter auch mal braun sein kann. Der Vegetationsstreifen neben der Straße, der mich allzu einladend animiert, meine vierrädrige bayerische Hochtechnologie doch dort abzustellen, wenn wieder einmal kein Parkplatz zu finden ist. Ist natürlich verboten. Und für den Amtsrat wäre es zu einfach, schlicht ins Protokoll zu schreiben, man habe auf dem abgeranzten Rasenfleck geparkt, der sowieso schon völlig abgewetzt und demnach nicht mehr zu beschädigen gewesen war. Nein, der Herr Ordnungsamtmann lässt es sich angelegentlich sei vom Straßenbegleitgrün zu schwadronieren, als seien die drei Grashalme im Auftrag des Herrn unterwegs, mit der gleichsam hoheitlichen Aufgabe, die Straße auf ihrem Weg ins Nichts zu begleiten - gerade wie die heiligen drei Könige den Heiland auf dem Weg in die Welt. In der Hoffnung, mir mit dem an langen blonden Haaren herbeigezogenen Fachchinesisch einen erklecklich höheren Verwerflichkeitsgrad meines Tuns attestieren zu können.

Ich fürchte ich schwiff gerade ein wenig ab. An sich wollte ich referiert haben - um es mal in die vor allem im Rheinland gängige Nichtverlaufenseinsform gepackt zu haben - in welche Gedankengänge die Restfettn mein beschwingtes Igelhirn gehen ließ als, ja, als dieser Kerl neben mir sich umdrehte und mir seinen Rucksack kraftvoll in die Igelbrust rammte. Meine Theorie ist ja, dass der Rucksack Rucksack heißt, wer er von einem Sack getragen wird. Und zwar einem Sack, der sich ruckartig bewegt. Der mich an diesem Tag wahrlich nicht berückende Sack war vom Phänotyp her durchaus einem Stadtoberzerwaltungsrat nicht unähnlich, der in seiner Freizeit im ärmelbeschonerten Trainingsanzug auf dem in Liegeposition gebrachten Ausklappsessel fläzt und ausschließlich Steuerfachliteratur liest, jedenfalls wenn er sich nicht gerade mit dem Gendering der Straßenverkehrsordnung beschäftigt. Grauer Kampfpantalon, garantiert naturfaserfrei, Jacke aus echtem Kunstlederimitat, die schrundigen Füße in Socken mit C&A-Logo gewandet, die wiederum in formunschönen Sandalen stecken. Trägt er unter dem ruckelnden Sack einmal einen Anzug, der Sack aus der Stadtverwaltung, so wird am Ärmel noch das Fähnchen mit dem Logo des Herstellers verblieben sein, man will der Welt ja zeigen, dass man sich das leisten konnte, das teure Zeug von Carlo Colucci. Eventuell hängt auch noch ein Palomino-Pferd aus der Hosentasche.

Ich weiß es nicht, macht das Tragen von Rucksäcken eigentlich dumm? Oder tragen nur die Doofen Rucksäcke? Anlässlich der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich der Igel unter das gemeine Volk mischt, sich etwa in öffentliche Verkehrsmittel wagt, stellt er jedenfalls fest, dass dieses Volk, soweit es Rucksäcke zu tragen beliebt, dieselben sehr gerne mit behenden Rumpfdrehungen in die nebenan stehenden oder sitzenden Menschen rammt, nach der Devise Heck schwenkt aus. Völlig gedankenlos, man dreht sich um als trüge man nicht den mit Steuerfachliteratur, einer in Schweinsleder eingebundenen Dünndruckausgabe der Straßenverkehrsordnung oder Wackersteinen befüllten Sack auf dem Rücken. Vielleicht spricht man ja deswegen vom gemeinen Volk? Möge das Volk gerne selbst entscheiden ob es strunzdumm oder hundsgemein ist, schließlich leben wir in einer Demokratie. Gemeingefährlich ist es jedenfalls, das rucksackbewehrte Volk - und wahrscheinlich sollte der Herr Stadtzerwaltungsrat mal eine Verordnung erlassen, nach der auf dem Rucksack Warnhinweise aufzudrucken sind - "Vorsicht, Aufsetzen führt zu irreversiblen Hirnschädigungen".

Montag, 24. April 2017

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 35: Schloss Berg Christian Bau



„Genau“ – ein Wort von gerade einmal bescheidenen fünf Buchstaben, nicht einmal besonders ausgefallenen dazu, und doch innerhalb weniger Jahre aufgestiegen zum Superstar des Dummdeutsch. Eine rasante Karriere von der grauen Maus im Duden, adjektivisch auf Präzision hindeutend oder auch schon mal als zustimmende Interjektion ins Gespräch geschmissen, weniger zum Ausdruck bringend, dass man die Meinung des Vorredners tatsächlich ganz exakt teile, denn diesen höflich ermunternd, ihm Unterstützung signalisierend, vielleicht auch um sich vom Lager der ja immer irgendwo lauernden ganz anders Denkenden abzugrenzen.

Doch die Zeiten dieses verbalen Mitläufertums sind für unser „Genau“ vorbei. Heute eröffnet das Wort nicht nur Sätze, sondern ganze Vorträge. Doch nicht um Zustimmung zu einem oft nicht einmal in Erscheinung getretenen Vorredner zu signalisieren, sondern als Spezialfall des „non sequitur“, es folgt auf nichts und aus nichts. Es überspielt nur die Unsicherheit des Sprechers, sei es in einer Diskussion, sei es am Rednerpult. Damit ersetzt das „Genau“, das hier groß geschrieben werden muss, da es nun ja grundsätzlich am Satzanfang zu stehen hat, nun mehr und mehr das gute alte „Ja, also“, mit dem früher unbeholfenere Rhetoren zu ihren Einlassungen anhuben, oft sogar in der extended version, dem „Ja, also, ähm, äh“. Die Zögerlicheren auch mit bis zu fünf gefühlten „a“ im aaaaalso, womit man sich schon in gefährlicher Nähe der Kuttelwurst Andouillette AAAAA bewegte und doch eher wie eine Andouille wirkte, ein Trottel.

Doch, genau, ich schweife ab, ich wollte ja vom „Genau“ sprechen, das gegenüber dem „Ja also“ eine Art Bonus-Funktion besitzt. Es suggeriert Übereinstimmung des folgenden Vortrags mit der Meinung des Auditoriums. „Seiet ohne Furcht“, ruft es den Anwesenden mit fast schon pontifikaler Anmaßung zu, „ich bin bei Euch und auf Eurer Linie, das mache ich gleich mit dem ersten Wort deutlich“. Deswegen muss das neue „Genau“ im Unterschied zum alten „genau“ auch durch ein Komma vom folgenden Restsatz abgetrennt werden. Der Sommelier, der an den Tisch tritt und uns zuraunt: „Genau, das hier ist unsere Weinkarte“ – er will damit nicht zum Ausdruck bringen, dass wir das seltene Glückserlebnis erfahren dürfen, ganz genau die Weinkarte des Hauses zu erhalten, neben der vielleicht noch viele, derselben nur ähnelnde, mit ihr aber nicht übereinstimmende Raubkopien im Umlauf sein mögen. Nein, er weiß nur seinen Satz nicht mit dem Wesentlichen anzufangen, der Sommelier. Und heischt nach Zustimmung, was hoffentlich nicht verheißt, dass die von ihm erstellte Weinauswahl diese Zustimmung per se nicht fände. Den „Genau“-Adepten ist das wohl nicht klar, dass der Versuch, sich der Zustimmung vorab zu vergewissern eher verdächtig wirkt und nun gerade das Misstrauen des Gegenübers wecken mag. „Schlagt mich nicht, eine bessere Weinkarte hätte ich Euch zwar vielleicht gerne gebracht, habe ich aber leider nicht zur Verfügung“, könnte er auch sagen, der Herr Sommelier.

Montag, 27. März 2017

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 34: Georges V



Jetzt ist die Wintersportsaison dann endlich wieder vorbei und man riskiert nicht mehr, bei Einschalten des Fernsehers Markus Waswörndl-Riesch über den aggressiven Schnee philosophieren zu hören. Aggressiver Schnee... Da hab ich gleich wieder Bilder im Kopf. Ein Schneekristall, das mir mit der Faust droht und dabei wüste Beschimpfungen ausstößt. Auf Eurosport sieht man die Sache ganz anders und spricht vom stumpfen Schnee. Und wieder sehe ich ein Schneekristall vor mir, auf einem fussbroichesken Sofa, im Unterhemd, in die Gegend stierend und kulturell wie intellektuell völlig desorientiert.

Äh, ja, wie komme ich jetzt vom Schnee zur Gastronomie? Da kommt einem im Zusammenhang mit Schnee eigentlich nur der Witzigmann in den Sinn. Und bei dieser Art von Schnee weiß man ja auch nie, ob der stumpf oder aggressiv macht. Aber der Igel hat die besten Techniker und perfektes Material und wedelt gleich mal weiter an die Seine. Genauer gesagt ins Le Cinq, einen der dreigesternten Tempel der französischen Hauptstadt. Viele schöne Erlebnisse verbinde ich mit dieser Adresse, allen voran das komplett mit Scheiben vom schwarzen eingekleidete Artischockenherz. Eine der stimmigsten Komposition, die je in den Igelmagen gewandert sind. Doch das war noch unter Philippe Legendre, inzwischen ist Christian Le Squer aus dem Ledoyen ins Georges Cinq umgezogen und hat die Küche ein wenig umgekrempelt.

Sonntag, 5. März 2017

Schanz Restaurant, Piesport


Absolut empfehlenswerte Adresse. Pointierte Küche, alle Produkte auf den Punkt gegart und abgeschmeckt. Keine billige Effekthascherei durch Gewürze, sondern nuancenreich abgeschmeckt und immer das Produkt im Mittelpunkt lassend. Hilfreicher und sehr aufmerksamer Service. An der Weinkarte könnte man noch arbeiten, es ist aber für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei. Besonders hervorzuheben sind noch die Minardisen zum Kaffee. Sonst immer eher Stiefmütterlich behandelt, läuft hier die Küche nochmals zur Hochform auf. Man schmeckt genau das, was der Service erklärt hat. Hier waren wir nicht zum letzten Mal.

Samstag, 28. Januar 2017

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 33: Martin Berasategui



Der eifrige Leser dieser Kolumne weiß es nur zu gut, der Igel ist keiner, der sich von Vorurteilen leiten lässt. Keiner, der Klischees nachplappert. Der Igel ist einer, der erst mal selbst der Sache auf den Grund geht. Und so wird sich der Igel hüten, den nagelneuen amerikanischen Präsidenten aus der Ferne in Bausch und Bogen zu verdammen. Der Igel macht es anders. Er fährt hin und redet mit dem Mann. Lesen Sie hier das große Trump-Interview zu Wein, Weib und Gesang!

Willi Igel (Willi): Good Morning, Mr. President, ich freue mich, dass Sie sich die Zeit für mich nehmen und heute mit mir über mein Leib und Magen-Thema sprechen wollen, die Gastronomie! Was sind ihre Pläne für die amerikanische Gastronomie?

Donald Trump (Donald):Hi Willi! Wir haben in Amerika die beste Gastronomie der Welt! Die beste! Wir waren es, die Louis Armstrong zum Mond gebracht haben. Und das ist schon lange her. Inzwischen sind wir noch besser geworden. Nach Lance Armstrong kam Moonraker, das war großartig. Großartig! Schade, dass Hugo Drax so ein böses Ende nehmen musste. Schade!

Willi:Äh, ja, ich meinte Gastronomie, mit G wie Guantanamo, das ist jetzt mehr so das mit den Restaurants. Essen und sowas.

Donald:Aah, Essen, fantastisch! Ich liebe Essen! Das wird eine große Priorität. Eine große! Ich werde Ronald McDonald zum Ehrenburger machen. Und zum Minister für Ernährung. Er wird ein absolut großartiger Minister sein!

Willi:
Da wird der Kongress nicht unbedingt mitziehen, fürchte ich.

Donald:Der Kongress? Ich werde Verteidigungsminister Trumpsfeld anweisen, eine Eisbombe auf den Kongress werfen zu lassen. Wozu soll es gut sein, wenn man die Eisbombe hat, jahrzehntelang, und sie nie benutzt. Wozu?

Willi:Äähm…

Donald:Und wir werden jeden Donnerstag, ja, jeden Donnerstag, in den öffentlichen Kantinen, in den Schulen, in den Universitäten einen Wagyu-Day einführen. Das wird gut!

Willi:Das könnte teuer werden. Zumal Sie gerade TPP gekündigt haben. Wagyu kommt ja aus Japan.

Donald:Ja, Japan! Großartige Stadt, tolle Leute. Tolle Leute!

Willi:Wenn wir nun schon vom edlen Essen sprechen, was halten Sie eigentlich von der Molekularküche?

Donald:Äh, was?

Willi:Ferran Adria?

Donald:Ah, Adria! Bordighera, Genua, Cinque Terre! Tolle Länder, toll!

Willi:Also italienische Küche? Werden Sie im White House Ravioli servieren? Farfalle? Gnocchi?

Donald:Gnocch, Gnocch, Gnocchi on heaven´s door!

Willi:Und Rigatoni? Oder ist der Toni rigged?

Donald:Riga? Das ist altes Europa! Das Land ist nicht unser Verbündeter. Wir werden eine Mauer um Riga bauen. Und dieser Toni wird sie bezahlen. Teuer bezahlen! So sieht das aus.

Willi:Interessant. Ich bleibe mal bei der Kulinarik. Was halten Sie von Fermentieren.

Donald:Viel! Sehr viel! Ich liebe Fermentiere. Als ich ein kleiner Junge war, wenn ich mit meinem Vater in den Zoo gegangen bin, stand ich stundenlang vor dem Käfig der Fermentiere. Stundenlang!

Willi:Ja, ich kann es mir vorstellen. Zurück zum Essen, was werden Sie Ihren Staatsgästen im Weißen Haus servieren lassen? Trumpsteak?

Donald:Chicken Wings, ich liebe Chicken Wings. Großartige Sache!

Willi:Grab them by the poulet? Und zum Dessert?

Donald:Alternative Krapfen! Read my hips!

Willi:Äh, ja, sicher! Und welchen Wein gibt es dazu? Bestimmt einen mit Fox-Ton?

Donald:Auf jeden Fall! Aber nicht irgendeinen Fox-Ton. Wir werden den größten Fox-Ton aller Zeiten in unserem Wein haben. Den größten! Und wir werden den Wein ohne Presse herstellen. Die Presse ist korrupt! Korrupt!

Willi:Mr. President, wir danken für dieses Geschwätz!



Voila, lieber Leser, ich hatte es geahnt. Da saß mir nicht der aufbrausende, herrische Despot gegenüber, als den die deutsche Presse Trump immer so gerne zeichnet. Nein, das war ein feinsinniger, gebildeter, mit viel Einfühlungsvermögen auf mich eingehender aufbrausender, herrischer Despot. Einer, der sicher viel tun wird, um die amerikanische Küche oder zumindest die Portionen auf den Tellern "great again" zu machen, Super Size Me!

Auf den Schreck bin ich gleich mal nach Spanien weiter gezogen, eine wunderschöne Stadt in der mein alter Kumpel Martin Berasategui kocht. Die Stadt Spanien liegt im Land San Sebastian, irgendwo an der Pazifikküste. So ähnlich habe ich es Donald jedenfalls beschrieben, der hat ja den schwarzen Gürtel in Geographie. Interessant ist, dass Berasategui sein Lokal irgendwo in die Banlieue von San Sebastian gestellt hat, nach Lasarte, einen Ort, für den das Adjektiv "abgeranzt" geradezu erfunden worden zu sein scheint. Wenn man das erst einmal erfolgreich verdrängt hat, ist am Lokal nichts auszusetzen. Gepflegt-gediegenes Ambiente. Natursteinboden, nicht poliert, graue Wände, weiß-beige Decke, ein alter Steinkamin im Hintergrund, ein paar antike Holzanrichten. Elegante Raumteiler aus Holz, die viel Schall wegnehmen und das Ganze noch gemütlicher machen, Viele weiße Orchideen. Ein Hang zur minimalistischen Eleganz ist zu konstatieren.

Freitag, 13. Januar 2017

Weh-Geh-Weh Willis Gastro Werkstatt Heute: Vierschänkentournee Teil 32: Cheval Blanc


„Das trägt man heute so!“ Meinte der Verkäufer. Im völlig sinnlosen Bestreben mir etwas als Mantel zu verkaufen, das in einem sachlichen Sprachgebrauch nur als Jacke durchgegangen wäre. Eine knappe Handbreit unter dem formschönen Igelhintern endete das Ding. „Schauen Sie, guter Mann“, hatte ich dem Ladenschwengel zuvor erläutert, „der Igel muss wirklich alle Register ziehen, will er in der kalten Jahreszeit nicht in den arttypischen Winterschlaf fallen. Was schon deswegen eine Katastrophe wäre, weil ich dann schon wieder die komplette Trüffelsaison versäumte. Und Mantel, guter Mann, das kommt von ummanteln, das soll mich einhüllen, vom Kopf bis fast zu den Füßen.“ Nichts zu machen, nicht nur dieser Mantel war kürzer als die Liste kompetenter Mitglieder des Bundeskabinetts, das gesamte Sortiment meines Herrenausstatters bestand nur noch aus diesen Dingern, deren guter Vorsatz, sich von den Schultern herab auf den Weg bis an die Waden zu machen, spätestens am beginnenden Oberschenkel von der Realität, in diesem Fall dem Saum, eingeholt und zunichte gemacht wurde. „In den Fünfzigern hatte man das doch auch so“, meinte der Verkäufer noch. „Ja, natürlich“, entgegnete ich, „aber doch wohl mehr weil der Stoff knapp war, es gab ja nichts, wir hatten ja nichts. Ansonsten, wenn Sie die Fünfziger so toll fanden, empfehle ich die Anschaffung eines Borgwards. Den fuhr man damals, übrigens mit Zwischengas. Und der macht lässig 70 km/h, also bergab. Oder wie wäre es mit einem Kaffee aus Chicoree, das hatte man damals?!“

Überhaupt, wer ist dieser „man“ der mir immer wieder um die Ohren gehauen wird, wenn ich mit meinem konservativen Geschmack wieder einmal belehrt werde, dass es etwas nicht mehr gibt, was sich doch eigentlich bewährt hatte, weil dieser „man“ das nicht mehr trinkt, isst, anzieht, sondern etwas anderes trägt, futtert, süppelt? Beim Mantel habe ich es ja schnell gelöst, damals, als dieses Gespräch stattfand, so etwa vor sechs Jahren. Ich habe mir halt einen nach Maß fertigen lassen. Da gibt es heute recht günstiges Zeug. Wird in Tschechien hergestellt und ist nicht teurer als die etwas besseren von unserer deutschen Stange. Weil die Kosten für den Ladenschwengel und dessen Auskünfte über diesen „man“ wegfallen, der das heute so trägt. Auch sind keine Ladenlokale in Premiumlagen zu finanzieren, weil der Maßschneider in einer bescheidenen Butze im Industriegebiet Maß nimmt und die Ware direkt aus Tschechien in den Igelbau zustellen lässt.

Und der Maßschneider, der wird künftig mehr Aufträge von mir bekommen. Denn inzwischen geht das auch bei den Anzügen los. Die trägt „man“ jetzt so, erklärte mir letzte Woche ein neuer Ladenschwengel in einem neuen Laden. Das alte Geschäft ist nicht mehr da, hat zugemacht, macht man heute so, hab ich mir sagen lassen. Und auch der alte Ladenschwengel ist fort, der arbeitet wohl inzwischen im Baumwolletagebau in Tschechien. Aber ich war ja bei den Anzügen, die „man“ heute „so“ trägt. „So“, das heißt in die Hochsprache übersetzt, zu eng. Viiiel zu eng. Ja, liebe Leute, ist der Stoff denn so knapp? Dass die Sakkos seitlich nur mehr bis zu den Brustwarzen reichen, so dass die Revers vorne die beiden Königskinder spielen und einfach nicht mehr zusammenkommen können. Oder nur durch Anwendung von Gewalt – dann sieht es so aus, als hätte man zwei Stoffdreiecke auf Brust und Bauch, deren Spitzen sich knapp oberhalb des Nabels flüchtig berühren, wo sie ein schwer arbeitender Knopf mühsam beieinander hält. Wobei der Stoff Falten wirft, weil auch auf ihm so viel Druck lastet. Aber nicht so viel wie auf dem bemitleidenswerten Knopf. Platzte das Ding unter dem Druck der Wampe ab, etwa in der U-Bahn, es durchschlüge mindestens fünf Rentner, ehe es zum Stillstand käme. Atomsprengknopf, das trägt man heute so. Grad wie der Hipster es durchgesetzt hat, dass es statt Sprengstoffgürteln jetzt nur noch Sprengstoffhosenträger gibt.

Und am Fuß, herrjeh, da haben diese neuen Anzüge das, was zu meiner Zeit „Hochwasser“ hieß. Soll heißen, sie enden etwas oberhalb des Knöchels, was auch deswegen sinnvoll ist, weil sie unten so eng geschnitten sind, dass sie nicht mehr so elegant über Fuß und Schuh fielen, wie das früher mal möglich war. Unter Funktionalitätsaspekten ist so ein outfit für die Tropen sicher prima geeignet. Denn da isses einem sowieso zu warm und freut man sich, wenn man es um das Brusthaartoupet und um die Fesseln herum ein wenig luftiger hat. Im kontinentaleuropäischen Winter sieht das natürlich anders aus, aber, da belehrt mich zum Glück wieder der Ladenschwengel, darum ginge es bei Klamotten ja nicht. Worauf es ankomme, sei die Mode, es solle vor allem gut aussehen. Hmm, tja, sagen wir mal so, wenn einer eine Figur hat, wie der Justizminister (der ansonsten zugegebener-maas-en eher wenig tut, um die oben genannte Liste kompetenter Mitglieder des Bundeskabinetts nennenswert zu verlängern), dann ist der optische Eindruck zumindest noch ein solcher, dass den Betrachter nicht direkt der Schlaganfall ereilt. Doch selbst als schlanker Mann zöge ich dem Maasanzug auch optisch einen nach alter Schule geschnittenen Maßanzug vor. Erschwerend kommt, im wahrsten Sinne des Wortes hinzu, dass der Igel zwar über einen Waschbrettbauch verfügt, jedoch einen, der nach den Bauplänen dieser neuen, etwas konvexeren Waschbretter hergestellt ist, die „man“ heute verwendet. Auch die Bezeichnung Waschzuberbauch ginge an der Sache nicht völlig vorbei. Diese gar liebliche Rundung wird von der auf Figur geschnittenen Mode noch auf unangenehme Weise betont, weshalb es durchaus sinnvoll wäre, für die rundliche Bevölkerungsmehrheit eine zweite, eher camouflierende Mode zu kreieren, die im Sinne der friedlichen Koexistenz durchaus neben der Schurwolleknappheit versinnbildlichenden aktuellen Mode Bestand haben könnte. Also vielleicht einen Marsanzug, der so in etwa den Dingern nachempfunden ist, die Astronauten bei ihren Weltraumspaziergängen tragen. Wärmend und gleichzeitig so voluminös dass der Igel nicht rubikonder wirkt als er ohnehin schon ist.

Beim Essen ist es genau das Gleiche. „Man“ nutzt ja heute die Möglichkeiten der Molekularküche. „Man“ fermentiert alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. „Man“ räuchert sich den Wolf(sbarsch). „Man“ packt Brausekrümel in alles und jedes. „Man“ kocht vegan! „Man“ läuft dann allerdings Gefahr vom Igel aus dem Maasanzug gestoßen zu werden. Kleiner Stoß aus der Küche. Was nicht schwer ist, weil diese Molekularräuchergemüsefermentierer oft verdächtig dürr sind.